

Kennst du das? Du stehst im Gartencenter, möchtest der Natur etwas Gutes tun und greifst zielsicher zu den Pflanzen mit dem bunten „Bienenfreundlich“-Etikett. Ein gutes Gefühl, oder? Schliesslich haben wir alle gelernt, dass die Bienen unsere Hilfe brauchen. Doch hier beginnt einer der grössten Irrtümer im modernen Naturschutz: Biene ist nämlich absolut nicht gleich Biene.
Um das Problem zu verstehen, hilft ein kleines Gedankenexperiment: Stell dir vor, du erfährst, dass der einheimische Luchs oder die Europäische Wildkatze bedroht sind. Du möchtest unbedingt helfen, gehst in den Laden, kaufst teures Premium-Tierfutter und stellst jeden Tag eine volle Schüssel davon nach draussen.
Wer wird sich darüber freuen? Richtig, die ohnehin schon gut genährten Hauskatzen deiner Nachbarn. Den bedrohten Wildkatzen tief im Wald hilft dein Buffet kein bisschen.
Was viele nämlich nicht wissen: Die wilde Honigbiene ist bei uns praktisch ausgestorben. Wenn wir heute eine Honigbiene auf einer Blüte sehen, gehört sie fast immer jemandem. Die westliche Honigbiene ist ein landwirtschaftliches Nutztier, genau wie eine Kuh, ein Schaf oder eben ein Haustier.
Wenn wir also pauschal die Honigbiene fördern, betreiben wir Landwirtschaft – aber keinen Naturschutz.
Wer hingegen massiv bedroht ist und dringend unsere Hilfe braucht, sind die über 600 heimischen Wildbienenarten in der Schweiz. Sie haben keinen Imker, der sich um sie kümmert, wenn die Nahrung knapp wird.
Viele exotische Dauerblüher aus dem Baumarkt produzieren zwar viel Nektar, aber kaum wertvollen Pollen, den die Wildbienen für ihren Nachwuchs zwingend brauchen. Schlimmer noch: Die riesige, starke Armee der Honigbienen grast die Blüten ab, und für die oft einzelgängerischen und schwächeren Wildbienen bleibt am Buffet schlichtweg nichts mehr übrig.

Während die Honigbiene nicht sonderlich wählerisch ist, sind viele Wildbienen absolute Spezialisten und auf ganz bestimmte, heimische Wildpflanzen angewiesen. Setzt man ihnen eine 08/15-Zierpflanze vor, verhungern sie vor dem vollen Teller. Zwei eindrückliche Schweizer Beispiele:
Diese kleine Wildbiene ist ein absoluter Gourmet. Sie sammelt Pollen für ihren Nachwuchs ausschliesslich an einheimischen Glockenblumen. Eine exotische „Bienenweide“ ignoriert sie komplett.
Auch sie hat ihren Namen nicht ohne Grund. Sie fliegt fast ausschliesslich auf den Gewöhnlichen Natternkopf. Ohne diese spezifische heimische Wildpflanze gibt es keine neue Generation dieser Bienenart.
Anstatt die Nutztiere der Nachbarschaft zu füttern, können wir mit einfachen Mitteln den echten „Wildtieren“ helfen:
Setze auf Glockenblumen, Natternkopf, Reseda oder wilde Malven statt auf hochgezüchtete Exoten aus dem Baumarkt.
Wildbienen nisten im Boden oder in Totholz. Lass verblühte Stängel stehen und schaffe offene, sandige Bodenstellen.
Verzichte konsequent auf Pestizide. Gift hat in einem naturnahen Garten und für die Biodiversität nichts verloren.
Ein echtes Bienenparadies ist vielleicht nicht immer so knallbunt wie das Prospekt aus dem Baumarkt – aber es rettet Leben.